ZARATHROXA – uebermorgen

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Der Bildband eröffnet das Fenster zu einer sich in stetiger Entwicklung befindlichen Bilderwelt. Dem Buch ist ein Film beigelegt, in dem die Kamera durch das gesamte Buch schwimmt . . . die Musik untermalt die Bildwelten – oder untermalen die Bildwelten die Musik? Alles fügt sich zusammen und wir zu einer synästhetischen Einheit. Jedes Bild verweist auf das Nachfolgende, wenn man das Buch ausklappen könnte, bestünde es aus einem einzelnen langen Riesenbild. Doch hier sollten nur Bilder und Musik sprechen. Wo Worte nichts zu suchen haben, sollte man schweigen…

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Hintergrund

 

Nun kam eine Zeit, in der ich zunächst ein bisschen in der Luft hing. Hinter mir lag die Faustgeschichte, die ich in einem einzigen rauschhaften Schwung zu Papier gebracht hatte. Der Schrei hallte noch nach… unmöglich ihn zu wiederholen. Was macht man hinterher? Wäre es überhaupt möglich noch einmal in einen ähnlich intensiven kreativen Fluss zu geraten? Wo überhaupt das Thema hernehmen? Ich hatte Keines – und auch keine Lust mich wieder einer klassischen Vorlage zu bedienen. In jedem Fall wollte ich weiterzeichnen und nicht in ein uninspiriertes Loch sinken, das sich nach der Fertigstellung von FAUST³ aufzutun drohte. Ich wollte mich nicht wiederholen, also zeichnete ich einfach spontan drauf los um zu sehen was der Zufall daraus macht – das passiert immer wenn mir nichts Besseres einfällt. Es kam ein abstraktes Bild dabei heraus:

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Ich malte noch mehr Bilder, und es entstand eine kleine Serie abstrakter Bilder, alle in denselben orangegelben Farben. Die Bilder schienen zusammen zu passen, wirkten wie eine brodelnde Oberfläche und erinnerte mich an Stürme auf dem Gasriesen Jupiter. Jetzt wusste ich immerhin, was ich da gemalt hatte: die Oberfläche eines Planeten. Ich musste den Planeten jetzt nur in den Blick bekommen… möglicherweise könnte ich daraus die spektakuläre Eröffnungsszene einer Science-Fiction-Geschichte machen? Ich hatte vor kurzem 2001 Space Odyssee gesehen, der Film hatte mich tief beeindruckt, insbesondere wegen den langen Kamerafahrten. Ließe sich so etwas nicht auch als Graphic Novel umsetzten? Das wär doch ein monumentaler Anfang für eine epische Geschichte: die Perspektive zoomt, von der Planetenoberfläche ausgehend, langsam heraus bis der Planet voll im Bild ist – und ein Raumschiff oder sonst irgendetwas auftaucht. Damit würde die Handlung beginnen.

Darauf hinarbeitend setzte ich die Serie fort, bis endlich der schwarze Rand des Alls ins Bild lugte. Verdammt, dachte ich mir, dieser Planet wird ziemlich groß! Frame für Frame einen “Zoom“ zu zeichnen ist aufwendiger als gedacht. Es folgten noch mehr Bilder in Daumenkinomanier, bis endlich der ganze Planet zu sehen war. Diese Eröffnungsszene nahm einfach kein Ende denn ich brachte es nicht über das Herz, das Raumschiff oder was immer da kommen könnte, auftauchen zu lassen und die Serie abzubrechen. Bereits an dieser Stelle hatte ich mich in die Eigendynamik der Serie versponnen. Diese Eigendynamik verständlich zu machen, ist sehr schwierig, denn “objektiv“ betrachtet war meine Beschäftigung stinklangweilig. Schließlich wiederholte ich dabei immer wieder das gleiche Motiv. Aus meiner “subjektiven“ Perspektive war mein Tun aber überhaupt nicht langweilig. Ich malte keineswegs immer wieder dasselbe, im Gegenteil! Gerade durch die Wiederholung sprang mir die mehr oder wenige unterbewusste Differenz jedes neuen Bildes ins Auge. Man malt nie wirklich zweimal dasselbe Bild, auch wenn man noch so routiniert geworden ist. In der Wiederholung beobachtete ich mich selbst und entdeckte etwas Wunderbares: eine subtile Entwicklung, eine Evolution in der Strichführung, in den Formen, dem Gefühl des Zeichnens. Ich übte, lernte und wurde immer präziser… es fesselte mich: in jeder Wiederholung steckt Differenz – eine schleichende, nachhaltige Revolution.

Der Ausschnitt wurde immer größer, bis endlich ein Stern auftauchte. Für eine Eröffnungsszene war das längst viel zu lang… aber die Daumenkino-Logik des immer größer werdenden Abstands zwang mich zum weiterzeichnen – es war wie im Film, ich wollte wissen was als nächstes passiert. Irgendetwas musste jetzt passieren, denn die schon sehr lange Bildstrecke des immer kleiner werdenden Planeten wurde auf die Dauer doch etwas langweilig. Also entschied ich mich für eine radikale Lösung und ließ den Stern explodieren! Der Planet verschwand in der Feuersbrunst. So gab ich die Erwartung auf, dass ich irgendwann eine konventionelle Geschichte beginnen würde und zeichnete die Serie weiter, die, nachdem sich Planet und Stern in ein abstraktes Flammenmeer aufgelöst hatten, schon wieder eine ganz neue Faszination auf mich ausübte. Jetzt war ich sehr frei, alles war abstrakt, dennoch verbot der Weg, den ich bisher eingeschlagen hatte, einen abrupten Wechsel. Langsam, sehr langsam veränderte sich die Szenerie. Das war ein ganz anderes Arbeiten als bei FAUST³. Es war nicht mehr der expressive Schrei, das wilde Drauflosgehen, das spontane Zeichnen – im Gegenteil, es war diesmal eine sehr kleinteilige, disziplinierte Arbeit. Es ging hier mehr um Perspektive, Timing, und Dramatik, um cineastische Stilmittel – alles mehr wie bei einem Film als bei einer Grafiknovelle. Und vor allem um die Wiederholung

Es nahm einfach kein Ende. Auf ein Bild folgte das Nächste und das Nächste und das Übernächste… Aus einem Sternen wurde eine rote Flammenwolke, die sich in weitere Sterne auflöste, aus den Sternen wurden Kreise, diese entwickelten sich über zehn Seiten hinweg zu Punkten, zu Linie und zu Fragmenten, zu Blumen, zu Wesen, zu verschlungenen Formen… Eines entwickelte sich aus dem anderen und die Bilder wurden immer abstrakter. Schließlich ließ ich die Bilder ganz ineinander übergehen, ein Bild setzte sich auf dem Nachfolgenden fort und die einzelnen Bilder verschmolzen zu einem einzigen langen Bildstrang in dem sich pflanzenartige Strukturen umeinander ranken und verästeln um dann in kristallinen Strukturen zu erstarren. Wie man bemerken wird kommt die Sprache hier an ihre Grenzen. Vielleicht ist es auch nicht klug den Versuch zu machen, den Inhalt der Bilder sprachlich wiederzugeben.

Ich höre beim Zeichnen und Malen meistens Musik. Die Musik lockert meine Hand und macht den Strich spontaner, ganz so, wie die Musik beim Tanzen den Körper bewegt. Außerdem regt Musik meine Fantasie an, denn ich habe eine Fähigkeit zur Synästhesie. Das bedeutet, dass bei mir Hör- und Sehsinn miteinander verschaltet sind, und was sich darin äußert, dass mir bei bestimmten Tönen unwillkürlich Farbeindrücke vor Augen schweben. Wenn ich etwa den Laut „Ooooo“ höre, dann ist das für mich wie ein tiefes Orange-braun. Der Laut „Iiiii“ hingegen ist ein helles Rot, „Sssss“ ist weiß-bläulich. Sehr komplex wird es bei Musik, etwa sieht ein Schlagzeugrhythmus für mich zumeist aus wie ein silbriges, glitzerndes Muster aus Punkten und Strichen, welches sich wie ein Netz unter die Melodie legt, welche aus Farben besteht.

Oft habe ich mich wegen dieser Fähigkeit ein wenig geschämt und “anders“ gefühlt, vor allem, weil das in gewissen Situationen sehr nachteilig sein kann. Die meisten Leute merken gar nicht, dass ständig irgendwo im Hintergrund Musik dudelt, im Aufzug, beim Einkaufen, im Café… wenn man darauf so sensibel reagiert wie ich, ist es die Hölle, denn man wird ständig abgelenkt. Ich möchte mich auf ein Gespräch konzentrieren, doch gleichzeitig tanzen im Hintergrund irgendwelche Farben umher. Diese Eigenschaft ist also im Alltag recht unpraktisch… es sei denn man hört die eigens bevorzugte Musik in bevorzugter Atmosphäre. Dann kann Musik ihre volle Wirkung entfalten, insbesondere beim Zeichnen oder Malen. Allerdings ist auch das ein ziemlich unbewusster Vorgang, der sich schlecht beschreiben lässt. Manchmal habe ich das Gefühl, ich hätte so eine Art Antenne am Kopf, meine Hand ist eine Nadel, die wie bei einem Seismographen ausschlägt, wenn sich etwas tut. Die Musik, die ich damals bei meiner Arbeit hörte, war elektronischer Natur, vor allem Aphex Twin und Autechre.

Ich zeichnete mich also langsam aber beharrlich durch die unterschiedlichsten Bildwelten und ließ mich selbst von dem überraschen, was ich sah und hörte. Es war ein bisschen wie eine Wanderung, wie eine Safari durch die eigene Fantasie. Doch die Safari zog sich mehr und mehr in die Länge. Wie sollte ich je zu einem Ende kommen? Zwei Jahren zähen Arbeitens zogen sich schleppend dahin, das Projekt wurde zu einem wahren Kraftakt und schließlich verlor ich auf den letzten Metern die Leichtigkeit in meinem Tun. Es wurde nun wirklich “Arbeit“. Der Modus des “Fast geschafft“ wurde zur beherrschenden Dominante. Schließlich zwang ich mich förmlich zu einem Ende, welches daher recht ungewöhnlich ausgefallen ist.

Ich hatte es nach über zwei Jahren zäher Arbeit tatsächlich geschafft. Fast ein bisschen enttäuscht blickte ich auf einen gigantischen Stapel Blätter, der nüchtern vor mir lag. Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht so genau, was ich nun damit anfangen sollte. Ich betrachtete die Bilder. Erinnerungen und Gefühle der Tage, an denen ich dieses oder jenes Bild gezeichnet hatte hafteten daran. Wie Faust war auch dieses Projekt, dem ich inzwischen den Namen > z a r a t h r o x a – ü b e r m o r g e n < gegeben hatte, ein gezeichnetes Tagebuch, das zwei Jahre meines Lebens umfasst. Natürlich stellte ich mein Werk begeistert den Leuten vor, die sich damals für FAUST³ interessiert hatten. Enttäuscht merkte ich, dass die zumeist abstrakten Bilder lange nicht dasselbe Interesse hervorriefen. Was hatte ich eigentlich die ganze lange über Zeit gemacht? Das hier waren “nur“ Bilder, kein Text, keine Geschichte. Man könne nicht in das Werk eintauchen, wurde mir gesagt. „Na klar kann man das!“ wollte ich wiedersprechen... Doch wenn ich sah, wie die Leute sich ungeduldig durch den riesigen Stapel blätterten und mit unberührter Mine für einen sekundenbruchteil Bilder registrierten an denen ich viele Stunden gearbeitet hatte, verletzte mich das. Ich verstand, dass es unmöglich war den Anderen die sogartige Faszination zugänglich zu machen, die sich erst dann eröffnet, wenn man ein Bild lange betrachtet. Ich merkte erstmals wie unbefriedigend eine Leidenschaft ist, wenn man sie nicht mit anderen Menschen teilen kann. Wenn man das Auge an ein Bild gewöhnt gewinnt es Tiefe und blickt in dich zurück. Das Sehen ist wie das Schreiben, das Musikhören oder das Lesen etwas, das man üben muss. Deshalb gibt es auch nur wenig Menschen, die mit Genuss Kunstmuseen besuchen, sich minutenlang in die Betrachtung von Gemälden versenken können und dabei sich und die Welt komplett zu vergessen. Schopenhauer erkannte in der kontemplativen Betrachtung gar die kurzzeitige Erlösung vom egoistischen Prinzip. In einer besseren Welt sollte bereits Kindern das konzentrierte Sehen (aber auch das konzentrierte Hören) beigebracht werden, denn es eröffnet das Tor in die aufregende weite Welt der Kunst. Doch das Gegenteil ist der Fall, die Aufmerksamkeitsspanne wird durch die Flut von ungefiltert auf uns einprasselnden Informationen eher kürzer. Nicht nur durch das Fernsehen und die Werbung, auch in der Schule. Wir sind daran gewöhnt, dass ein Bild in einen fesselnden Kontext eingebettet ist, damit die Konzentration aufrechtgehalten wird. Wenn man dem Publikum aber nur die Bilder vorsetzt - und mögen sie noch so schön sein - kann scheinbar kaum jemand etwas damit anfangen. Ich hätte heulen können. Irgendwie funktionierte mein Werk nicht, obwohl die Zeichnungen meines Erachtens zu meinen Besten gehörten. Wenn man alle Bilder aneinanderlegen würde, dann ergäbe sich daraus ein etwa 60 Meter langes Riesenbild. Ein einziges Mal sah ich das ganze Bild, nämlich als ich es in der Frauenfriedenskirche ausstellte. Der Raum war perfekt, es war die kreisrunde Taufkapelle, an den Wänden schlängelten sich meine Bilder, die ich zu einem langen Band verbunden hatte in drei Reihen spiralförmig empor. Bei der Vernissage war der Raum dunkel. Vor dem Eingang stand eine Schachtel mit Taschenlampen bereit, die jeweils nur einen Kegel schwachen Lichts auf die Bilder warfen. So konnte man sich langsam vorwärtstasten, den Raum in drei Runden durchschreiten und die Bildwelten auf sich wirken lassen – und ich hatte den Eindruck, hier funktionierte es! Die Leute waren begeistert, die Ausstellung war ein Erfolgt und für meinen weiteren Umgang mit dem Werk sehr wichtig, denn sie führte mir eine Binseweisheit vor Augen die ich mir von da an hinter die Ohren schrieb: die Präsentation der Bilder ist mindestens genauso wichtig, wie die Bilder selbst! Ob die Bilder fesseln oder nicht, hängt also vom richtigen Timing ab. Ich hatte mittlerweile ein Buch drucken lassen, das zwar ganz nett anzusehen war, mich aber selbst nicht wirklich überzeugte. Das Wesentliche, nämlich der Fluss durch die Bilder war verloren gegangen, in dem Buch wirkte alles ziemlich starr und meist wurde es ungeduldig durchgeblättert. Feststellung: Sieht man alles auf einmal, ist die Luft raus, wenn man sich Stück für Stück vorantasten muss, so wie ich beim Zeichnen, wird es spannend. All das lies mich zurück an meine ersten Überlegungen denken, als ich versuchte die Dynamik eines Films nachzuahmen. Die Lösung war, die Bilder als Grundlage für einen Film zu nehmen, der jetzt gemacht werden müsste! Also war ich wieder ganz am Anfang. Und tatsächlich war es noch ein weiter, beschwerlicher Weg bis zum fertigen Film. Das blöde war, dass die Animation meiner Bilder zu einem Film außerhalb meines Kompetenzbereichs. Von nun an begann eine furchtbar unkreative Arbeit, ich schrieb zahlreiche Anträge um Geld für das Projekt zusammen zu bekommen, suchte nach Leuten die sich mit Animation auskannten und versuchte sie für das Projekt zu motivieren – und fand sie! Sie heißen Illu, Kojo und Steve. Illu und Steve waren für die Umsetzung des Films zuständig, Kojo hat die Musik dazu komponiert. Nach langer Zeit des Suchens, Versuchens, Scheiterns, Enttäuschungen, neuen Versuchens war es schließlich endlich soweit: der Musikfilm war fertig! Wir haben den Film auf DVD gepresst, jetzt liegt diese DVD den Büchern bei. Somit wird hoffentlich der Zusammenhang zwischen Bild und Musik begreiflich und das Auge für das Sehen dieser Bilder sensibilisiert… und die Geschichte geht hoffentlich noch weiter...

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