YANMA

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Da war einmal ein Strand, an dem Kinder mit Muscheln spielten. Deren Farben faszinierten sie, bis sich die Kinder mit den bunten Muscheln schmückten, ihre Körper mit den Schalen verdeckten – und stolz auf ihren Schmuck wurden. Sie begannen, ihre Farben als Zeichen vor sich herzutragen… ein großer Streit entbrannte… ein Krieg… und dabei begann doch alles als Spiel – dann kam die große Welle, und riss alle Muscheln zurück ins Meer. Ein Ruf nach neuen Spielzeugen!

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Hintergrund

Diese Geschichte scheint meinen späten Rückfall in die Kindheit zu dokumentieren. Yanma ist quietschgelb und naiv-fröhlich, der Inhalt ist konfus und die Wege die zu dorthin führten waren noch zufälliger als bei allen anderen Geschichten. Yanma ist ein lose zusammenhängendes Fragment: verrätselt, zerstückelt, verpuzzelt und verworren und vieldeutig. Es scheint, als handle es sich um mindestens drei höchst unterschiedliche Geschichten, die hier zu einem seltsamen kleinen Mutanten zusammengeschweißt wurden.

Das Fragment setzt sich aus unterschiedlichen Teilen zusammen, die ich nun durchexerzieren möchte. Der älteste Bestandteil basiert auf einem Traum, der mir einmal erzählt wurde. Der verlief ungefähr so:

„Ich stehe in einer weiten Einöde, um mich herum ist gar nichts. Plötzlich fällt mir ein heller Regentropfe auf die Stirn. Ich blicke nach oben um nach der Wolke zu suchen, aus der der Tropfen gefallen ist… doch der Himmel ist klar. Keine einzige Wolke. Die Dämmerung kommt, der erste Stern taucht am Himmel auf. Doch wenn ich genau hinsehe – – – bewegt sich dieser Stern! Plötzlich weiß ich wo der Tropfen herkam! Ich laufe los und versuche den Stern zu erreichen… ein hoffnungsloses Unterfangen, dieser Stern dort am Himmel und ich hier unten… also laufe ich schneller. Der Stern zieht unerreichbar über den klaren Himmel – also laufe ich noch schneller und schneller und immer schneller. Ich habe nichts als den Stern vor Augen. Meine Füße laufen wie von selbst, es ist überhaupt nicht anstrengend und dennoch werde ich wie von selbst immer schneller. Ich berührte nicht einmal mehr den Boden, sondern fliege darüber hinweg. Ich hebe ab – – – steige – – – werde immer schneller – – – fliege schließlich dem Stern hinterher. Er kommt immer näher und ich merke, – dass es gar kein Stern ist, sondern ein Komet! Er zieht einen hellen Schweif aus Tropfen hinter sich her, die mir warm ins Gesicht prasseln. Ich werde immer noch schneller und bemerkte, wie sich der Raum um mich krümmt >>> – – – sich in bunte Streifen aus tausend Farben aufspaltet! Ich weiß nicht mehr wo oben und wo unten ist >>> ich sehe nur noch den Kometen vor – nein – neben mir! Ich habe ihn eingeholt >>> bin nun ganz dicht an ihm dran und sehe —- dass es gar kein Komet ist…. sondern ein Kind! Es winkt mir zu. Ich winke unsicher zurück. Verwirrt blicke ich um mich, an mir herunter und sehe, wie sich mein Körper in Lichttropfen auflöst. Hinter mir zieht sich ein Schweif aus Licht. Ich bin selbst zum Kometen geworden . . . zu Lichttropfen. Vielleicht werden einige dieser Tropfen die dort unten treffen, antippen, und sie fasziniert ihre Hälse nach zwei ziehenden Sternen schauen lassen.“

Diese Erzählung steht mir noch heute lebendig vor Augen. Ich habe diesen Traum nie selbst geträumt, dennoch ist meine Vorstellung davon so klar, als sei es mein eigener Traum.

Diese Bilder fügten sich nahtlos in die Erinnerung eines Filmes, der mich schon einmal inspiriert hat und in dem es ebenfalls eine Szene mit ungeheurer Beschleunigung gibt: 2001 – Space Odyssee. Eine besondere Szene aus diesem Film ist ein weiterer Teil des Yanma-Fragments: gegen Ende wird Dave in seiner Raumkapsel ins schwarze Nichts hinausgeschossen, fliegt immer schneller und schneller, bis sich der Raum in schillernde Farben auflöst. So oder ähnlich habe ich mir auch die Jagd nach dem Kometen vorgestellt.

Ein weiterer Bestandteil des Fragments entspringt der Rede Von den Tugendhaften aus Also sprach Zarathustra. Darin geht es um das Schaffen neuer Tugenden und Sitten, die ich mir selbst setzte und die nicht das Gute, sondern mein Gutes wiederspiegeln. Zarathustra lehrt individuelle Selbstführung statt Konformität. Doch damit neue Tugenden und Werte geschaffen werden können, müssen erst die alten Tugenden und Werte fortgeschwemmt werden. Nietzsche liefert uns am Ende des Textes ein wunderschönes Bild zur Allegorie:

Wahrlich, ich nahm euch wohl hundert Worte und eurer Tugend liebste Spielwerke; und nun zürnt ihr mir, wie Kinder zürnen.

Sie spielten am Meere, – da kam die Welle und riss ihnen ihr Spielwerk in die Tiefe: nun weinen sie.

Aber die selbe Welle soll ihnen neue Spielwerke bringen und neue bunte Muscheln vor sie hin ausschütten!

So werden sie getröstet sein; und gleich ihnen sollt auch ihr, meine Freunde, eure Tröstungen haben – und neue bunte Muscheln! –

Also sprach Zarathustra.

 

Hach! Welch Worte! Eine zärtliche Langsamkeit ist das Tempo dieser Dichtung, sie tröpfelt. . . . langsam und bedächtig fällt Tropfen für Tropfen . . . Wort für Wort. Glücklich sind jene, die sich diesem Regen aussetzen…

Auch hier kam mir ein Bild vor Augen, welches mir wie die Traumerzählung und der Film 2001 unvergesslich blieb. Doch der Grund ist nicht allein die schöne Bildsprache, es war der Inhalt (oder Nichtinhalt), der mich bewegte. Aber wovon schreibt Nietzsche hier eigentlich? Werte? Tugenden? Bloß Worte? Dichtung? An was konkret soll hier gedacht werden?

Lange dachte ich über den Aphorismus nach und spinnte mir daraus meine eigene Auslegung der Muschelmetapher zurecht. Irgendwie traf der Text bei mir einen persönlichen Nerv – und irgendwie erinnerte er mich an meinen ersten Comic, den ich damals in der Schule gezeichnet hatte: König der Schmerzen, ein weiteres Puzzelstück im Yanma-Fragment? Was wäre, wenn damals alles anders gekommen wäre? Wenn sich meine farblose Figur nicht ausgegrenzt gefühlt hätte, sich nicht geschämt und angemalt hätte, sondern die eigene Farblosigkeit als neue und noch unentdeckte Tugend von morgen verstanden hätte? Wenn sie einfach selbst in die Hand genommen hätte, anstatt den anderen nachzulaufen?

Ich dachte darüber nach, ob ich die Geschichte noch einmal neu schreiben sollte – und diesmal sollte es ein offenes, optimistisches, aussichtvolles Ende geben. Ich wollte nun eine Lösung des Problems andeuten! Der König der Schmerzen aber endet in der völligen Aussichtslosigkeit, der Zwang zur Identität ist allgegenwärtig, meine Namenlose Figur wird nach ihrer Farbe beurteilt, sowohl in der Inselwelt als auch in der Welt darunter. Als ich den Zarathustra las erschien es mir so, als halbe Nietzsche mein damaliges Unbehagen selbst gekannt, und im Zarathustra zu lösen versucht. Ich dachte über die Muschelmetapher nach und verglich sie mit der Farbmetapher aus dem König der Schmerzen. Beide ähneln sich darin, dass sowohl die Muscheln als auch die Farben etwas Fremdes, ihnen bloß Äußerliches ist. Die Werte werden nicht hinterfragt, sondern passiv vorgefunden, angenommen, aufgenommen und reproduziert. Auch die Muscheln liegen einfach am Strand herum und werden aufgenommen. Sowohl die Muscheln als auch die Farben sind ein Schmuck, den man sich anlegt um sich zu maskieren, ein Schildzeichen, eine Identität, Symbol, Farbe und Fahne mit der man sich klar positioniert.

Mittlerweile blickte ich mit einem sehr anderen, ernsteren Blick auf den König der Schmerzen zurück. Das Thema Identität zieht sich wie ein roter Faden quer durch mein Studium. Mir wurde klar, dass ich damals, ohne es wirklich zu wissen, ein sehr heißes Eisen berührt hatte. Kollektive Tugenden und Identitäten sind Gebilde wie Religionen, Nationalitäten, Geschlecht oder Ethnie. Was das bekennen zu einer Farbe im schlimmsten Falle bedeuten kann, lässt sich im Nationalsozialismus beobachten. Meinen Überlegungen nach funktioniert der Faschismus wie folgt:

Ich bin unzufrieden mit mir und meinem Leben, habe große Sorgen vor der Zukunft und besitze ein schwaches Selbstbewusstsein. Ich lebe außerdem in Deutschland (oder irgendwo anders), aber das war mir eigentlich bisher ziemlich egal – bis mir von irgendeiner dubiosen Seite geflüstert wird, diese Nebensächlichkeit, die Zugehörigkeit zur Kollektividentität “deutsch“ für die ich überhaupt nichts kann sei etwas ganz Besonderes und ungeheuer wichtig. Ja, deutsch zu sein sei quasi ein Gütesiegel welches mich aufwertet, andererseits ein netter Vorwand um meine persönliche Problematik in ein Politikum umzumünzen. Ist doch damit das Eingeständnis von Schwäche viel unpersönlicher (und damit weniger peinlich, denn mir sind viele Dinge peinlich). Ich sorge mich jetzt nicht mehr um mich, sondern um eine Farbe. Ich nenne mich jetzt Patriot! Ich sorge mich nicht mehr um mich oder um meine Mitmenschen sondern um “das Deutsche“ – und habe so mein Problem ausgelagert! Und noch besser: ich habe mir im Handumdrehen einen neuen Sinn des Lebens und ein Welterklärungsmodell geschaffen, mit dem ich die Welt sehr klar in Gut und Böse unterteilen kann: “Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen!“ So habe ich endlich auch eine Aufgabe! hurra! Ich darf jetzt Leute schikanieren und auf die Nase hauen, die nicht in mein Weltbild passen. Endlich Dampf ablassen. Endlich auch mal oben stehen. Das ist jetzt sogar meine Pflicht und ein Akt der Selbstlosigkeit! Schließlich geht es hier ja gar nicht um mich und meine eigenen Probleme, sondern um “mein Volk“, “mein Land“, “meine Religion“… usw.

Wenn ich mich mit einem Kollektiv identifiziere findet also so etwas wie eine Verdopplung der Identität statt. Mein Besonderes, ich als Individuum, werde zum Allgemeinen, zu – einem Deutschen… hilfe! Je stärker also die Anbindung an die kollektive Identität, desto größer die persönliche Unsicherheit, die damit verdeckt wird. So funktionieren alle Sekten! Genau dies ist bei genauerem Hinsehen auch der Inhalt von Der König der Schmerzen. Nachdem der Farblose von der Insel hinuntergeworfen wurde findet er in der Stadt unter den Wolken den Faschismus vor. Er bekommt eine Nummer, die ihn zugleich entindividualisiert und ihn als Teil eines Kollektivs in der Masse aufgehen lässt… Diese Beobachtung erschreckte mich zutiefst. Damals sah ich die Dinge nicht mit der Klarheit von heute, es war vielmehr eine Intuition die mich damals zu dieser Geschichte führte. Die Parallelen hatte ich unbewusst gezogen.

Wie dem auch sei, jetzt wollte ich die Geschichte unbedingt neu schreiben – aber Fortsetzungen sind nicht mein Ding. Also versuchte ich, diese schweren, ernsten und trüben Beobachtungen in ein frisches, kindliches und heiteres Licht zu stellen. Was mir auch in den beschissensten Zeiten Halt gab, war die Verbindung zur Kindheit, die anscheinend nie ganz gekappt werden kann, wenn man sich kreativ betätigt. Seitdem ist die Erinnerung an die Kindheit so etwas wie der sehnsuchtsvolle Rückblick auf ein verlorenes Paradies. Ich versuchte diese Nostalgie nach der kindlichen Unbeschwertheit in eine Figur zu stecken. Ein ziemlich beklopptes kleines Wesen kam heraus, dem ich den Namen YANMA gab.

Der Name kam mir einfach so in den Kopf, keine Ahnung woher. Später erfuhr ich, dass Yanma auf Türkisch „brenn nicht“ heißt, dass es sich dabei um ein recht cooles Libellen-Pokémon handelt und dass man es mit viel gutem Willen mit dem umgedrehten Ausruf „Ya, Man!“ verbinden kann. (das habe ich als Kind oft gerufen, wenn ich mich für irgendeinen Vorschlag begeistert habe)

Das kleine Wesen Yanma wurde zum Orientierungspunkt für eine gleichnamige Geschichte, in die ich alle aufgezählten Fragmente einfließen lassen wollte. Hinter mir lag das gigantische Übermorgen-Projekt und ich war noch ganz im Modus des abstrakten Über-die-Seiten-hinaus-Zeichnens. Das wollte ich für einen emotionalen, frischen Anfang nutzen. Wie bei einem Konzert. Ich begann mit einer Ouvertüre im Stil von Übermorgen, doch diesmal schneller, abwechslungsreicher und mit vielen neuen Ideen. Darauf folgt der erste wirkliche Auftritt meiner ebenfalls neu eingeführten Figur: Zarathroxa!

Über Zarathroxa ist wenig bekannt, und das wenige das ich weiß, darf ich nicht verraten. Doch eines kann ich verraten: Zarathroxa lehrt uns den Übermorgen. Doch niemand versteht, was mit diesen Worten gemeint sein könnte… also im Sinne einer Utopie, die erst übermorgen kommt? Oder im Sinne eines Morgens, der mehr ist als alle bisherigen Morgen zusammen? Ein ganz neuer Anfang? Doch auf die Worte Zarathroxas erfolgt keine Antwort. Nur ein Tropfen aus tausend Farben… wie in einem Traum, der Zarathroxa schillernd auf die Stirn fällt. Zarathroxa sieht sich um und entdeckt einen fernen Stern, der eigentlich ein Komet ist – der eigentlich Yanma ist! Zarathroxa jagt Yanma nach und spaltet sich dabei in Lichtstrahlen auf, wie bei Dave in 2001 gesehen. Yanma ist ein Kind, dass das wirklich erlebte, einmal dagewesene Paradies der Erinnerung wiedersieht. Zarathroxa hingegen blickt hinaus in die Zukunft, auf ein Paradies, das noch kommen wird: den Übermorgen. Wir stehen auf der Brücke, die beiden Ufer sind das vergangene und das kommende Paradies.

Schließlich wechselt die Perspektive von Zarathroxa zu Yanma. Wie bewegen uns in Yanmas Auge. Hier beginnt die umgeschriebene, optimistischere Geschichte, welche im König der Schmerzen so ausweglos endete. Diesmal endet sie utopisch:

Kinder spielten am Strand. Und sie wussten nicht, wer sie waren und lachten und spielten und waren vereint in ihrer Unwissenheit, und in der naiven Liebe zueinander. Da fanden sie Muscheln im Sand, mit uralten Geschichten und Hoffnungen und Werten daran. Die Muscheln waren bunt und schön und gehörten keinem der Kinder. Da begannen sie mit den Muscheln zu spielen und sich mit ihnen zu schmücken und sie freuten sich. Doch schon bald begannen sie auch an ihre Muscheln zu glauben und stolz auf sie zu sein und sich hinter ihnen zu verstecken. Und sie wurden zu ihren Muscheln…

Und jene die grüne Muscheln gefunden hatten, wurden grün.

Und jene die lila Muscheln gefunden hatten, wurden lila.

Und jene die gelbe Muscheln gefunden hatten, wurden gelb.

Und jene die rote Muscheln gefunden hatten, wurden rot.

Und jene die blaue Muscheln gefunden hatten, wurden blau.

Und sie alle glaubten an ihre Muscheln und trugen sie und ihre Farben stolz vor sich her. Und sie vergaßen dabei, dass sie nicht blau oder gelb oder rot waren, sondern bloß Kinder, die sich hinter blauen und roten und gelben Muscheln versteckten. Die Muscheln rissen immer tiefere Gräben zwischen den Kindern auf und trennte sie immer weiter voneinander. Sie wurden fanatisch, und die Gelben sahen nur noch rot und die Roten sahen nur noch gelb, und sie sahen nur noch ihre Farben und hassten einander und schlugen und zankten sich und waren vereint in ihrem Wissen über die anderen und dem Hass gegeneinander.

Doch da kam die große schwarze Welle

Und riss ihnen ihr Spielwerk fort ins Meer.

Ich bin die große schwarze Welle. Da weinen sie, riss ich ihnen doch ihr liebstes Spielzeug und ihren liebsten Glauben fort. Doch keine Angst liebe Kinder. Schon bald werden euch eure eigenen Wellen neues schönes Spielzeug an den Strand spülen. So werden sie getröstet sein. So tröstet ihr euch selbst mit den schönen Geschenken der brausenden Wellen eures Geistes. Und neues Spielzeug. Und neue bunte Muscheln.

Also sprach Zarathroxa

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