FAUST³

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Gott ist tot und der Teufel damit arbeitslos. Es gibt keine geheime Wette, weder Gut noch Böse, weder Sünde noch das höchste Glück. Dieser Faust ist verunsichert, verwirrt, ängstlich und trägt zum Schutz vor dem hellen Licht der Erkenntnis eine dunkle Brille. Dennoch treibt es ihn hinaus in eine grelle, schrille, dröhnende, schreckliche Welt ohne Sinn… die muffige Leiche des langsam verwesenden Gottes – doch selbst hier ist alles noch möglich! Ein abenteuerlicher Versuch, neue Werte zu schaffen…

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Hintergrund

FAUST³ entstand in den ersten beiden Semestern meines Philosophiestudiums. Er war eine aufregende neue Zeit im einem neuen Umfeld und zahlreichen neuen Gedanken, die auf mich einprasselten. Ein unbekannter und schier endloser Ozean des Denkens breitete sich vor mir aus!
Unwillkürlich dachte ich an das Studierzimmer des Dr. Faust zurück… nicht enden wollende Regale, vollgestopft mit Büchern und alten Manuskripten. Goethes Faust hat mich im Deutschunterricht sehr beeindruckt, nicht zuletzt deshalb, weil das Buch komplett in Reimen geschrieben ist und nicht zuletzt weil wir einen tollen Deutschlehrer hatten. Und dann erst der Inhalt! Faust ist ein nicht gerade sympathischer Typ: es dürstet ihn zugleich nach der höchsten Erkenntnis, sondern auch nach der tiefsten Lust. Um dies zu erreichen, verkauft er seine Seele dem Teufel und wird zum kaltblütigen Monster, welches über Leichen geht.

Damals stutzte ich an dieser Stelle… wie kann das sein? Ist also das Streben nach Wissen nicht automatisch ein Streben Glück und damit nach dem Guten? Ich dachte immer, viel wissen bedeutet gutes Handeln und ein glückliches Leben? …warum eigentlich? Aber nein, im Gegenteil, die Erkenntnis treibt Faust nicht zum moralischeren Handeln, sondern reißt ihn immer weiter hinunter ins Dunkle, ins Tiefe, ins Zwielichtige – ins Böse. Suchen die nach Erkenntnis Strebenden etwa nicht nach mehr, sondern – nach weniger Sicherheit? Wenn man den Dingen auf den Grund gehen will, wenn man die Grundsätze hinterfragt – was wird das mit mir machen? Setzt man sich selbst aufs Spiel, wenn man sich zur Reise des schrankenlosen Denkens einschifft? Eine ungewisse Reise ohne Ziel, wer weiß, vielleicht ins große Nichts… . . . Werde ich bei dieser Irrfahrt überhaupt irgendwo ankommen?

Egal, dachte ich mir, Hauptsache ich komme hier weg von diesem öden Ufer, welches mein halbes Leben lang der triste und zermürbende Leistungszwang der Schule war. Ich wollte mich endlich mit den Dingen beschäftigen, die mich wirklich interessierten, mein Hirn umprogrammieren, Tabula Rasa machen, alles was war wegwerfen und ganz von vorn anfangen!

All das war sehr faustisch, die Goetheuni erschien mir wie ein riesiges Studierzimmer und ich wollte Faust spielen… Allerdings gab es zwischen meiner Situation und der Faustgeschichte einen entscheidenden Unterschied: Faust wird von einer göttlichen Instanz beobachtet und ist Gegenstand einer Wette zwischen Gott und dem Teufel. Gott hofft darauf, dass Faust sich trotz seines Wissensdurstes nicht vom rechten Weg abbringen lassen wird, der Teufel hält dagegen und gewinnt. Eigentlich war der Ausgang klar, denn wer zu wirklich radikal neuen Perspektiven aufbrechen will, darf sich durch solche Spießigkeiten wie Moralität und Gottgefälligkeit nicht abhalten lassen! Faust tappt suchend umher und tappt ins Böse. Er versaut Gretchens Leben und kommt dafür in die Hölle; der alte Dualismus von Gut und Böse ist wiederhergestellt: Faust ist ein Böser. Wer nicht für Gott (und gut ist), ist gegen ihn (und böse). Der altgediente Hauptsatz: Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen.

Im Grunde, so dachte ich mir, ist meine Situation also sogar noch radikaler als das Herumsuchen des kühnen Dr. Faust! Zu seiner Zeit waren Gott und die Hölle immerhin noch anerkannte Begriffe – mir aber fehlt sogar dieser letzte Halt! Es fällt mir sehr schwer mit diesen Begriffen irgendetwas zu verbinden. Ich fürchte weder Gott noch Teufel, weil ich an keinen von beiden glaube. Schon als Kind konnte ich mit Gott nicht viel anfangen. Gott erschien mir als extrem kontraintuitive Vorstellung, auf die mich einzulassen mir einige Anstrengung abverlangte. Am ehesten konnte ich mir Gott als eine Art Fantasiefreund vorstellen – aber selbst das durfte ich ja nicht, denn man soll sich ja kein Bild von Gott machen. Außerdem hatte ich mehr als genug Fantasiefreunde, mein Bedürfnis nach weiteren Entitäten war also mehr als gedeckt. Es gab nur dieses merkwürdige Wort, das auf nichts in der Welt zutrifft und ich stand fragend davor. Dabei habe ich mich niemals bewusst zum Atheismus entschieden, sondern er wurde mir einfach in die Wiege gelegt, ich bin das Kind orthodox-atheistischer Eltern und Gott hat für mich nie gelebt. Das waren gute Voraussetzungen für mein Studium, denn keinen Gott zu glauben bedeutet, weniger Ballast tragen zu müssen. Weniger von dem ich mich zu trennen hätte, um meinen Grundsätze einmal gründlich auf den Grund zu gehen.

Diese Überlegungen erfüllten mich mit einer Mischung aus Unsicherheit, Neugierde, Nervenkitzel und Stolz. Zufällig besprachen wir gerade Platon, der die Erkenntnis der “Wahrheit“ mit dem Verlassen einer dunklen Höhle vergleicht. Dieses Höhlengleichnis erschien mir wie der ideale Startpunkt meiner eigenen faustischen Suche nach Erkenntnis. Ich erdachte mir einen Faust, der mir selbst entsprach und fertigte die Skizze eines kleines rosafarbenen Wesens mit gelben Punkten an. Zunächst einmal dürfte Faust natürlich kein Mensch sein, denn Menschen zu zeichnen fand ich langweilig. Und groß dürfte dieser Faust nicht groß sein, eher klein und gedrungen… so passte es besser zu mir. Und eigentlich dürfte er auch kein souverän und heldenhaft drauflosschreitender Forscher sein, sondern eher ein Getriebener, der irgendwo nach einem Ausweg aus einer zu eng gewordenen Welt sucht. Deshalb hockt Faust auch zu Beginn mit seiner dubiosen Oma in einer Höhle, die nur von einem kleinen Lichtstrahl erleuchtet wird – doch selbst dieser Lichtstrahl ist diesen beiden Höhlen- und Erdtierchen zu hell, also schützen Faust und seine Oma ihre Augen durch dicke verspiegelte Brillen.

Der Faust von Goethe und mein Faust sind also durchaus sehr verschiedene Typen. Vielleicht, weil mein Faust im Durcheinander der Postmoderne feststeckt, in einer verunsichernden Zeit, in der man nicht einmal genau weiß, gegen was man eigentlich guten Gewissens rebellieren soll… „Das Böse“ ist nichts Benennbares mehr, sondern ein diffuses Unbehagen… der Kapitalismus, das Patriachat, die Ungerechtigkeit… im Grunde alles abstrakte, schwer fassliche Begriffe. Alle Mauern scheinen mir bereits eingerissen, alle Grenzsteine sind schon einmal verrückt worden. Deshalb ist mein Faust zwar ein verdammt neugieriger, aber auch ein ziemlich verwirrter und ängstlicher Typ. Es gibt auch keinen Mephisto, der kommt, um Faust zu verführen. Heute muss man den Teufel schon selbst suchen und wenn man ihn dann schließlich gefunden hat, ist er in Resignation befangen und trauert selbstmitleidig um den toten Gott. Eigentlich müsste dieser Faust also genau dort ansetzen wo der Tragödie zweiter Teil endet. Dann fiel mir der Titel ein: FAUST³.

Eigentlich war dieser Titel die meiste Zeit mein einziger Anhaltspunkt, ansonsten hatte ich keine Ahnung was in der Geschichte passieren würde. Das Schreiben und Zeichnen von FAUST³ war eine Irrfahrt ins Ungewisse. Aber in jedem Fall wollte ich auch mein Buch nach dem goetheschen Vorbild in Reimen schreiben – und in dieser Hinsicht erwies sich das Fehlen einer Story als sehr nützlich, denn es verschaffte mir einen enormen kreativen Spielraum. Ich trug ein kleines Notizbuch mit mir umher, in das ich jederzeit schreiben konnte, wann immer mir etwas einfiel. Immer wenn ich das Notizbuch dabeihatte bastelte ich in Gedanken an meinem Fausttext herum. Ich trug es ständig bei mir. Ebenso war es mit dem Zeichenblock, der bis heute mein ständiger Begleiter ist. Überall wo ich war, zeichnete ich, im Seminar, in der Bahn, im Park, wenn ich irgendwo warten musste. So wurde ich ein routinierter Unterwegs-Zeichner, ich hasse Arbeitsplätze und liebe es wenn der Zufall die Gestalt des Bildes bestimmt. Die Orte und Situationen, in denen dieses oder jenes Bild entstand, sind untrennbar mit dem Ergebnis verbunden. Bis heute ist es, also würde ich ein seltsam verschlüsseltes Tagebuch öffnen wenn wieder einmal in meinem FAUST³ herumblättere. Die Geschichte entstand in genau einem Jahr, und wie erwähnt war es ein sehr besonderes, sehr aufregendes Jahr!

Nachdem Faust auf den Baum in der Höhle geklettert ist um das Licht zu fassen, zerbricht die Höhle und mit einem Male wird alles durcheinandergewirbelt, Faust wird herausgeschleudert und findet sich in einer schrillen, grellen, dröhnenden Welt wieder, die die Leiche des langsam verrottenden Gottes ist! – ich hatte angefangen Nietzsche zu lesen und mich für die Frage des Glaubens oder Unglaubens zu interessieren. Mein Vorgehen war ziemlich chaotisch, ich hatte eigentlich überhaupt keine Idee davon, wo ich mit der Geschichte hinwollte… doch auf wundersame Weise ergab sich ein überraschend klarer Weg. Ich hangelte mich von Szene zu Szene und überraschte mich selbst. Da der bei weitem größte Teil von FAUST³ in der Uni entstand, scheint es, als hätten sich Teilinhalte von Seminaren oder Vorlesungen, mehr oder weniger unbewusst, in der Geschichte niedergeschlagen. Ob dies ein Vorteil oder ein Nachteil ist, weiß ich noch nicht, aber es scheint, als könne ich in meinen Geschichten gar nicht anders als persönlich – meine Bilder sind mein Leben und mein Leben wird bestimmt durch die Bilder. Das war schon immer so und es wird auch hoffentlich immer so bleiben.

Irgendwann trifft Faust auf den Teufel, der im Gegensatz zu Gott noch lebt. Die Gründe hierfür geben Anlass zur Spekulation. Aber selbst der Teufel ist nicht mehr das, was er früher einmal war. Er kann eigentlich nur noch laut rumbrüllen und beleidigen, seine ursprüngliche Funktion als Teil jener Kraft, die Böses will doch Gutes schafft, hat er verloren. Gott ist tot. Gott bleibt tot. Ohne Widerpart ist der Teufel arbeitslos, denn er kann nicht mehr rebellieren. Der arme Kerl steckt in einer Sinnkrise. Da hat er etwas mit Faust gemeinsam, der seit dem Verlassen der Höhle nach irgendetwas sucht, egal nach was, Hauptsache es ist etwas, wonach es sich zu suchen lohnt. Und das ist bei Faust – peinlich, man möchte es kaum glauben – die Liebe. Schließlich gerät Faust in die Traumatropola, die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Ihn packt das nackte Grauen, denn nirgendwo sonst gab es bisher mehr Sinnlosigkeit, als an diesem Ort! Verzweifelt greift Faust nach dem letzten verbleibenden Strohhalm und ruf den Teufel zu Hilfe, der das gleiche Sinnproblem teilt… doch hier muss ich schweigen, denn ansonsten würde ich zu viel verraten…

Machen wir einen Zeitsprung. FAUST³ war inzwischen fertig. Ich war Stolz auf meine erste richtige, für die Öffentlichkeit bestimmte Grafiknovelle. Ich hatte eine kleine Auflage gedruckt und las sie in kleinen Kreisen Freunden und Bekannten vor. Durch die Reimform entwickelte sich die Lesung mit der Zeit zu einer schwungvollen Performance, die immer mehr an Fahrt gewann. Ich begann, Stimmen für den Teufel, Faust und die Oma einzuüben, auf die Betonung zu achten und immer mehr Rhythmus in den Text zu legen. In einer ersten Ausstellung im peng in Mainz las ich FAUST³ erstmals öffentlich vor, die Bilder wurden dabei an eine Leinwand projiziert. Den Leuten gefiel es, das ermutigte mich zum Weitermachen und ich arbeitete die Performance immer weiter aus. Schließlich traf ich auf Schulz, genauer gesagt auf Stefan Schulz-Anker, der ein begnadeter Jazzschlagzeuger ist. Und da kam wieder eine Idee…. was, wenn wir unsere Kräfte bündeln, und FAUST³ zum ultimativen Bild-Musik-Sprach-Gesamtkunstwerk machen? Eine Mischung aus Projektionen, Dichtkunst, Schauspiel und Musik! Genau dort sollte es hinführen, doch der Weg dorthin war noch weit – und er ist es noch. Wir verbrachten unzählige Tage in Kellern, Bunkern und Proberäumen und feilten an unserer Performance, die man sich heute ansehen kann. Wir haben uns aufeinander eingespielt, Schulz sitzt an seinem Schlagzeug und hat die Finger nebenher am Keyboard und an einem Synthesizer. Daraus baut sich ein Klangteppich auf, in den ich mich in meiner Rolle als Faust oder Teufel gut einfinden kann. Bei den Lesungen trage ich eine verspiegelte Schweißerbrille, durch die ich quasi nichts sehe. Das ist gut, denn so bin ich ganz bei der Musik, bei meinem Text und in meiner Rolle.

FAUST³. Es war ein weiter Weg – und hoffentlich wird es auch noch ein weiter Weg sein. Stets habe ich es geliebt, Wege zu gehen, das Ankommen war mir dabei nie so wichtig. Und auch mein eigener Faust kommt nur scheinbar an sein Ziel. Seine letzten Worte lauten:

…denn hier kann ich lieben,

hab alles gesehen

kann nun in Frieden

untergehen.

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