DER KOENIG DER SCHMERZEN

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Diese Geschichte spielt auf einer fliegenden Insel in einer blauen Stadt über den Wolken. Sie wird bewohnt von bunten, einzigartigen Wesen – ein schöner Ort! Doch der Schein trügt, denn wer seine Farbe nicht findet, wird hinab in die Wolkendecke gestoßen… der Legende nach gibt es darunter eine zweite Stadt, bewohnt von den Farblosen. Oben Gut, unten Böse? Doch was, wenn die Perspektiven umgestellt werden? Eine vergebliche Suche nach Identität.

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Hintergrund

Um diese Geschichte zu verstehen, muss man die Bedingungen kennen, unter denen sie entstanden ist. Ich war 15 oder 16 Jahre alt und aus vielerlei Gründen kreuzunglücklich. Dazu gehörte vor allem der in der Schule und Zuhause vorherrschende Leistungsdruck mit dem ich nicht umgehen konnte. Der Eindruck, nicht gut genug für diese Welt zu sein und hier nicht wirklich hineinzugehören war allgegenwärtig. In der Schule war ich der Freak, der still in der letzten Reihe saß und die ganze Zeit zeichnete. Ich war weder sozial integriert, noch besonders gut in der Schule. Auch das Glück meiner Kindheit, die Leidenschaft zu Zeichnen, war durch die Schule verdrängt worden. Ich hatte es geliebt mich in die eigenen Bilder zu versenken, dabei konnte man aus der Realität verschwinden und sich einer ganz anderen, fantastischen Welt hingeben – eine Welt, die ich mir selbst entwerfen konnte. All das wurde in der Schulzeit verdrängt, es fehlte die Zeit um Luftschlösser zu bauen. Stattdessen musste ich mir unter Stress und großen Versagensängsten Lernstoff in mein Hirn prügeln (oder prügeln lassen), der mich nicht interessierte und rein gar nichts mit mir oder meiner Lebensrealität zu tun hatte… insbesondere vor Mathe hatte ich eine regelrechte Phobie. Ich bekam Depressionen, Selbsthass, Essstörungen und Sportzwänge.

Doch in dieser düsteren und unendlich beschissenen Zeit leuchtete mit einem Male der blasse Schimmer eines beinahe vergessenen Glücks auf: Das verlorene Paradies aus der Kindheit, die Fantasiewelt auf dem Papier… sie war immer noch möglich! Ich hatte sie nicht vergessen… irgendwo war ein Notausgang.

Also begann ich im Unterricht zu zeichnen – und das verschaffte mir eine ungeheure Erleichterung, denn ich war nicht mehr ganz da, wo ich war. Der Klassenraum verschwand, die Fantasiewelt öffnete sich wieder, alles entspannte sich ein wenig. Ich entschloss mich, ein Comic zu zeichnen und eine Geschichte zu erzählen, in der ich all das, was mein gegenwärtiges Leben ausmachte, ausdrückten wollte. Ich war gerade auf dem Nachhauseweg und dachte nach und hörte The Police King of Pain. Mit einem Mal fiel mir die ganze Geschichte ein, der ich Jahre später den Titel Der König der Schmerzen gegeben habe. Ich spiegelte in dieser Fantasiewelt die wirkliche Welt, meinen Alltag. Ich zeichnete das Comic im Unterricht, oft gegen den Widerstand der Lehrkräfte die mir immer wieder den Zeichenblock abnahmen – ich könne nicht zuhören wenn ich zeichne. Das Gegenteil war der Fall.

Die Geschichte ist trotz meiner damaligen miesen Gesamtstimmung erstaunlich bunt geworden – nicht, weil bunt für mich gleichbedeutend ist mit fröhlich, sondern weil es in meiner Welt wirklich etwas auf sich hat mit Farben… Sie spielt auf einer fliegenden Insel, die im Sonnenlicht über der dichten weißen Wolkendecke schwebt und von einer türkisblauen Stadt gekrönt wird. In dieser Stadt leben Wesen, jedes davon hat eine einmalige, individuelle Farbe. Sie sind bunt, doch nur die Erwachsenen. Die Kinder sind zunächst alle weiß, farblos, ohne Namen und scheren sich daher nicht im Mindesten um ihre Farbe. Oberflächlich wirkt auf der Insel alles wie ein idyllischer Ort – doch es gibt einen entscheidenden Haken: die Farbe muss erst “gefunden“ werden. Nur Jene, die ihre Farbe bis zu einem gewissen Alter gefunden haben, werden als Mitglieder der fliegenden Stadt anerkannt; wer dies nicht schafft und weiß bleibt, wird über den Rand der Insel gestoßen und fällt hinein in die weiße Wolkendecke… und da gibt es eine alte Legende: angeblich leben in den Wolken weiße, spindeldürre Wesen mit papierener Haut und nadelspitzen Zähnen, die manchmal nachts aus den Wolken emporfliegen und die Stadtwesen heimsuchen. Die Wesen aus dem blendend hellen Weiß der Wolken sind das absolute Böse….

Auch meine Hauptfigur ist farblos – und sie bleibt es! Zunächst ist ihre Welt noch in Ordnung, alle Kinder sind vereint und denken gar nicht erst über sich und ihre Farben nach – warum auch, denn im Spiel geht es um das Gegenüber, die eigene Farbe ist dabei völlig nebensächlich. Doch mit der Zeit bekommt das Paradies Risse. Irgendwann bekommen die ersten ihre Farben und stechen plötzlich aus der Masse der farblosen Kinder hervor. Erschrocken blickt meine Hauptfigur um sich, auf die anderen Kinder, die sich mit einem Male von der Masse absetzen, von allen anderen bewundert werden, Kontur und Profil bekommen und Identität gewinnen. Dies anzusehen ist faszinierend und beunruhigend zugleich, denn so stellt sich die Frage: welches ist meine Farbe? Ist es wirklich meine Farbe? Werden die anderen mir glauben, wenn ich ihnen meine Farbe zeige? Die Anderen werden aus der Perspektive meiner Hauptfigur zu Ikonen, zu denen man zwar bewundernd emporblickt, sich aber zugleich auch vor ihnen schämt und ihren Blick fürchtet. Je länger die Hauptfigur farblos bleibt, desto mehr schämt sie sich, desto mehr verliert sie ihre Unbedarftheit, verliert das Spiel und die Freude am Versuchen. Die Angst zu scheitern, wird immer größer, immer beobachteter fühlt sich meine Kreatur, immer unbeholfener bewegt sie sich. Schließlich lässt sie sich zu einem Täuschungsversuch hinreißen und malt sich an. Sofort fliegt der Schwindel auf, das Vertrauen ist nun völlig zerstört und die bunte Gemeinschaft stößt den Betrüger von sich. Die Farbe wird ihm von der Haut gekratzt, der Farblose wird über die Klippe der fliegenden Insel geschleudert und fällt hinein ins drückende Weiß der Wolkendecke… wo der Legende nach das Böse lauert. Dieser Moment ist prägend. Immer tiefer hinein fällt der Farblose in die Wolken, bis unter der Wolkendecke etwas auftaucht: Eine zweite Stadt! Kalt, grau, elektrisiert und tausendmal größer als das kleine bunte Idyll auf der Insel. Kurz vor dem Aufprall erscheint eine fliegende Gestalt, öffnet die Arme, und fängt den Ausgestoßenen auf.

Von nun an beginnt in neues Leben in einer neuen Welt, eine Gegenwelt, die von den Ausgestoßenen bewohnt wird. Ein Leben ohne Identität und ohne Farbe, eingespannt in einem riesigen Kollektiv, geprägt von Gewalt, Tod und Töten, der Masse und dem Hass gegen die fliegende Stadt. Statt einem Namen bekommt meine farblose Figur eine Nummer – und einen “Mentor“, der nun nicht mehr von seiner Seite weicht. Alles ist streng geregelt und viel klarer als auf der fliegenden Insel – die Grausamkeit dieser Welt ist greifbar, die Grausamkeit jener Welt war unfasslich. Für “die hier unten“, sind “die da oben“ “böse“; für “die da oben“ sind “die hier unten“ “böse“ – doch wer hat nun recht? Beide Seiten folgen dem schlichten Motto: Wir sind die Guten. Die anderen sind die Bösen. Sind Gut und Böse bloß scheinbare Kategorien, die sich verändern, je nachdem welche Perspektive man einnimmt? Die Geschichte ist unmoralisch und die farblose Hauptfigur ist ein Antiheld. Wer immer seine Nase in die Perspektive eines Außenseiters stecken möchte, sollte sich Handschuhe anziehen und Sicherheitsabstand einhalten…

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