ANARCHRIST – Von der Erloesung

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Christus und Kommunismus – eine unzeitgemäße Betrachtung: Jesus hat seinen Glauben verloren und erzählt Zarathroxa von seinem zweiten Leben auf Erden, seiner Flucht aus dem Nahen Osten und seiner Hoffnung auf das nahe Ende des Kapitalismus und dem Beginn der Liebe. Doch leider erkennen gewisse Kreise in dem hippiemäßigen Zuwanderer eine Bedrohung für das christliche Abendland. Jesus wird ermordet. Doch erst der Tod macht Jesus zur weltberühmten Ikone der neuen radikalen Linken… schließlich sind T-Shirts, Kaffeetassen und Schlüsselanhänger von Jesus erhältlich… schließlich wird die “Hippie Partei“ gründete… und so setzte Jesus, ohne es zu wollen, eine neue Religion in die Welt…

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Hintergrund

Jesus: Ein Hippie der vom Kommunismus träumt, mit Religion nichts am Hut hat, sich mit religiösen Leuten anlegt und dabei aus Versehen zur Ikone der radikalen Linken und schließlich zum religiösen Götzenbild wird.

Paulus: Ein propagandistisches Arschloch, welches die Proteststimmung geschickt auszunutzen weiß um die linke Bewegung in eine riesige Sekte zu verwandeln.

Gott: Eine Comicfigur, die ständig ihre Gestalt wandelt und nie mit dem zufrieden ist, was in seinem Namen auf Erden tut.

Naheliegende Frage: wie kommt man auf so einen Scheiß?

Jetzt muss ich wirklich ausholen, denn die Einflüsse, die mich zum ANARCHRIST führten, sind vielfältig, liegen zum Teil weit zurück und betreffen eine Herzensangelegenheit: die Hoffnung. Aber keine Angst, ich bin nicht religiös und meine Geschichte ist kein Glaubensbekenntnis. Vielmehr eine wertfreie, offene Auseinandersetzung mit dem Phänomen Religion und Glaube… glaube ich zumindest… Ich bin in einem durch und durch atheistischen Elternhaus aufgewachsen und habe mich daher nie von der Religiosität emanzipieren müssen. Im Gegenteil: mir wurde beigebracht, Religion sei etwas für Doofe, die wie Kinder an solch verrückte Dinge wie Engel oder sprechende Schlagen glauben. Das ganze Phänomen Glaube gehörte demnach in die gleiche Kategorie wie die Milchzahnmäuse, an die ich schon als Kind nicht wirklich glauben konnte. „Na klar gibt’s das alles nicht!“, dachte ich mir, und war dabei fest überzeugt, den aufgeklärten Weg eines kühlen Rationalisten zu gehen. Ich fühlte mich schlauer als die ganzen religiösen Deppen, und wähnte mich dabei auch noch in der Rolle eines Revolutionärs, welcher sich gegen die Idiotie der Religion auflehnt – obwohl ich in diesem Punkt nie habe rebellieren müssen.

Meine Prägung war naturwissenschaftlich: In der empirischen Erschließung der Welt erkannte ich das Werkzeug der Aufklärung. Nur dasjenige ist real, was sich mit Sinnen erkennen oder durch Instrumente messen lässt – dies ist die empirische Methode. In einer solchen Welt haben Fantasiegebilde wie Geister, Engel oder Götter keinen Platz.

Im Philosophiestudium wurde mir schnell klar, dass diese empirische Methode allein sehr viele Dinge des menschlichen Weltbezugs nicht fassen kann. Das fängt schon damit an, dass sich schon die empirische Methode selbst nicht allein auf die Beobachtung stützen kann, sondern die Mathematik zu Hilfe nehmen muss. Was auf den ersten Blick das selbstverständlichste der Welt ist, – wie soll man Messungen ohne Mathematik auswerten? – ist bei näherem Hinsehen höchst paradox: Wenn nur Dasjenige als wirklich wahrgenommen wird, was man messen und wahrnehmen kann, dann sind Zahlen streng genommen nichts Wirkliches! Niemand hat jemals eine 8 in freier Wildbahn beobachtet. Auch der Satz der Pythagoras ist nichts Wirkliches, er ist ein ebenso reines Produkt des menschlichen Geistes, genau wie Märchen oder Götter. Doch das rätselhafteste dabei ist folgendes: Die Mathematik funktioniert! Man kann mit ihr Flugzeuge zum Fliegen bringen! Aus irgendeinem Grund scheint also die Natur so zu tun, als würde sie alle Regeln der Mathematik beherrschen, die doch im strengsten Sinne das Produkt des menschlichen Geistes ist. Doch die Probleme die auftauchen, wenn wir uns versuchen allein auf die Empirie zu stützen werden noch viel verzwickter: Erschreckt stellen wir fest, dass alle für uns unmittelbar interessanten Fragen Begriffe berühren, die ebenfalls reine Produkte des menschlichen Geistes sind und nichts in der sinnlich erfahrbaren Welt entspricht! Niemand kann behaupten das solche „Gegenstände“ wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, kurz der ganze Bereich der Werte deshalb irrelevant ist, weil es sich “bloß“ um abstrakte Ideen handelt denen nichts reales in der Welt entspricht. Die empirische Welt schrumpft also auf den sehr beschränkten Bereich des Messbaren zusammen. Alles was das menschliche Leben und Handeln berührt – die unmittelbaren Lebensfragen die uns konkret betreffen – bleiben unangetastet: Das sind alles im weiteren Sinne politischen Fragen; Fragen der Ethik, Fragen nach dem guten Leben, der Freundschaft, nach der Liebe, der Gerechtigkeit, dem Glück, dem Leiden, dem Tod und dem Sinn im Leben.

Diesem ganzen Bereich nähert man sich dann, wenn man sich nicht für die Natur, sondern die Geisteswissenschaften entschieden hat… Wobei die Philosophie eigentlich kein Teil der Geisteswissenschaften ist, sondern irgendwie über beiden Wissensbereichen schwebt, denn sie reflektiert und vermittelt die unterschiedlichen Erkenntnisformen miteinander.

Mich haben die Fragen rund um die menschliche Existenz immer besonders interessiert, Ethik war in der Schule mein Lieblingsfach. Später verbrachte ich lange Nächte auf einem verrauchten Dachboden einer Studenten WG, wo wir bei Bier und Joints über kritische Theorie und Befreiung diskutierten. Diese Diskussionen, obwohl es sich „nur“ um ein abstraktes Thema handelte, berührten mich sehr persönlich. In mir wuchs die Überzeugung, in der falschen Zeit geboren worden zu sein. Hier bestätigte sich mein intuitives Gefühl, dass etwas in dieser Welt grundlegend verkehrt ist. Und gleichzeitig zeigten mir Marcuse und Horkheimer den Hoffnungsschimmer eines möglichen Auswegs aus dieser furchtbaren Welt. Das schwere Bündel an höchst unangenehmen Erfahrungen, das ich mit mir herumtrug und von dem ich nie jemandem erzählte, weil es mir peinlich war (und ist) wurde mir sozusagen von der kritischen Theorie abgenommen. Ich konnte über gesellschaftliche Mängel sprechen, dachte dabei aber an eine ganz andere, viel konkretere Erfahrung, die mich letztlich zu meiner Auseinandersetzung mit der Religion trieb.

Aber als ich auf dem Dachboden in der Eckenheimer WG saß, hatte ich diese Vergangenheit mit aller Macht verdrängt. Ich tat so, als wäre all das nie passiert und bemerkte erleichtert, dass die Studenten in dieser WG allesamt sehr nett waren. Hier schloss ich Freundschaften und fasste den Entschluss, Philosophie zu studieren. Im Studium begegnete mir die Frage nach der Befreiung aus der Leistungsgesellschaft ständig, ich verband sie mit den tief persönlichen Erfahrungen von damals. Die Beschäftigung mit der kritischen Theorie regte meine Hoffnungen nach einer großen Veränderung an und ich folgte dieser Spur. Sie trieb mich in die unterschiedlichsten linken Kontexte und ließ mich wunderschöne und schreckliche, in jedem Falle aber intensive Erfahrungen machen. Ständig musste ich meine alten Ansichten überdenken und mich selbst hinterfragen. Immer wichtiger wurde für mich der konkrete Wunsch, tatsächlich ein alternatives, besseres Leben zu leben. Getrieben von einem naiven Optimismus machte ich mich auf die Suche und experimentierte mit verschiedenen Beziehungs- und Lebensformen. Ich wollte in eine Kommune ziehen. Der „Höhepunkt“ dieser Suche war zugleich eine Art Wendepunkt, denn ich erlebte eine bittere Enttäuschung.

Ich knüpfte Kontakte zur der Theatergruppe Antagon. Immer hatte ich von einer Gemeinschaft geträumt, in der alle sich respektieren und gemeinsam für eine gute Sache an einem Strang ziehen, ohne Chef und ohne Konkurrenz. Ich stellte mich und mein Buch FAUST³ vor und wurde freudig begrüßt. Es handelte sich um eine hippiemäßige Gruppe von 20 Leuten, die in Bauwagen lebten, welche um ein zentrales Haus mit Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftsbad, Werkstatt und Trainingshalle aufgestellt sind. Die Requisiten für die Stücke wurden selbst gebaut, genäht oder gebastelt, die Stücke wurden selbst geschrieben und wenn etwas kaputt war, wurde es selbst repariert… hier schien eine durch und durch selbstbestimmte, kreative Atmosphäre des Selbermachens zu herrschen. Es kam mir vor, als würde ich auf einen Abenteuerspielplatz für große Kinder ziehen. Doch das Beste bei alledem war natürlich, dass mir die Leute im Antagon allesamt sympathisch waren. Ich war hochmotiviert und Feuer und Flamme für ein befreites Leben!

Doch bei alledem gab es ein wesentliches Detail, das ich allzu gerne übersah: es gab und gibt hier einen Chef, eine Art charismatischen Guru, der alle Zügel fest in der Hand hält. Alles zentrierte sich um die Person Bernhard Bub, ein echter alt 68er. Dies faszinierte mich natürlich ungemein, denn hier stand ich einem Fossil aus einer Zeit gegenüber, in der ich gerne gelebt hätte, eine Zeit des Aufbruchs und der Neuerung, in der die bessere Welt zum Greifen nahe schien. Das Antagon war ein Überbleibsel aus dieser Zeit, die ich als goldenes Zeitalter verklärte. Das Antagon schien für mich die Gelegenheit zu sein, meine eigenen Aussteiger-Erfahrungen zu machen.

Lange staunte ich die Person Bernhard Bub ehrfürchtig an. Doch der Zauber währte nur eine gewisse Zeit, denn die Ernüchterung kam promt als mir klar wurde, dass es sich hierbei mitnichten um einen fortschrittlicheren, milderen oder besseren Menschen handelte. Tatsächlich war das Antagon der einzige Ort auf der Welt, wo ich noch einmal einem klassischen Patriarchen begegnete. Auf seinem Territorium gelten glasklare Regeln: Ob er dich mag oder nicht entscheidet, ob du dabei bist oder nicht. Dies hat natürlich zur Folge, dass alle ein mehr oder weniger verkrampftes Verhältnis zu ihm haben, eine sonderbare Mischung aus Furcht, Bewunderung und Verachtung. Zudem ist er wesentlich älter als die anderen Bewohner und strahlt insofern die Autorität eines Vaters aus, die auch durchaus sympathisch wirken kann. Ist er gut gelaunt, ist es sehr unterhaltsam seinen Monologen zuzuhören – doch es sind nie echte Gespräche, eher Vorträge und Anekdoten aus alten Zeiten. Wenn es dann aber nicht so läuft wie Bernhard möchte, werden Leute auch mal vor der ganzen Gruppe bloßgestellt, oder durch fiese Witze dauerhaft fertiggemacht. Wer in der Gunst gefallen ist, muss sich klein machen. Sexistische Sprüche sind auf der Tagesordnung, aber auch wenn man Bernhards Vorstellung von Männlichkeit nicht entspricht, gehört man nicht mehr richtig dazu. All das wirkte kein bisschen fortschrittlich, eher rückschrittlich. Auch gab es wie bei allen Sekten einen “inner circle“, eine Kerngruppe, die bestimmt, ob die dazu gehörst oder nicht – und wer zum “inner circle“ gehört, bestimmte wiederum Bernhard.

Natürlich fiel mir all das erst nach einiger Zeit negativ auf. Die Zeit im Antagon fing äußerst gut an, ich ging zu Bernhard um ihm zu sagen, dass ich beitreten wollte. Wir schlenderten über den Wagenplatz und Bernhard zeigte mir einen ziemlich heruntergekommenen Bauwagen voller Gerümpel und einem Loch im Dach. „Den Bauwagen kannst du haben, aber du musst ihn erst wieder Instand setzen. Wenn du das schaffst, bist du dabei!“

Das war jetzt also meine Prüfung, meine Feuertaufe. Ich machte mich emsig daran den Bauwagen auszuräumen, die Wände mit Styropor zu isolieren, alles neu zu verkleiden, zu lackieren, den Boden zu verlegen… All das war ein gewaltiger Aufwand und dauerte mehrere Monate. Ich tat dies mit der festen Überzeugung, hier mein zukünftiges Eigenheim für viele Jahre zu bauen.

Und dann war mein Bauwagen endlich fertig! Es war ein tolles Gefühl, ich war so frei wie nie zuvor. Die erste Nacht war wunderschön, der Regen prasselte auf das Wellblechdach und ich hörte die Naturgeräusche von draußen, um mich herum schliefen die anderen in ihren Bauwagen. Hier war es schön, dies fühlte sich an wie das gute Leben, nach dem ich gesucht hatte.

Mein Studium lag inzwischen auf Eis, doch ich hatte viel zu tun und war voll und ganz mit Aufgaben des Antagons bedient. Begeistert erfuhr ich, dass Bernhard ein neues Theaterstück mit dem Titel FAUST III plante. Das ist meine Idee! dachte ich voller Stolz. Dies ist meine Chance ein Theaterstück mit zu gestalten! Also rackerte ich mich ab, macht Vorschläge, schrieb Texte, dachte mir Szenen aus und legte anschließend alles Bernhard vor. Der nahm auch alles an, mehr aber auch nicht. Es kam nie eine Antwort zurück, wahrscheinlich hatte er es nicht einmal gelesen.

Nach und nach begriff ich, wie im Antagon-Kollektiv gearbeitet wird, nämlich kein bisschen kollektiv: Bernhard hat eine Idee, die Gruppe muss sie anschließend umsetzen. Demnach sind sich auch alle Antagon-Stücke ziemlich ähnlich. Auch FAUST III hatte bis auf den Titel und formale Äußerlichkeiten kaum etwas mit der Faustgeschichte zu tun – ich vermute sehr, dass Bernhard Bub weder Goethes Faust gelesen noch die Faust-Problematik wirklich kapiert hat.

Antagons FAUST III hat bis auch den Titel rein gar nichts mit Goethes Faust oder mit meinem FAUST³ zu tun – abgesehen davon, dass ich eine Zeit lang in dem Stück mitgespielt habe und Kulissen mitgestaltet habe. Inhaltlich hatte weder ich noch die anderen etwas zu sagen.

Meine Enttäuschung war entsprechend groß, doch die soziale Verpflichtung des Kollektivs war größer. Ich mochte diese Menschen – wenn da nur nicht Bernhard wäre, der ihnen die schwere Bürde, selbst zu denken, abnahm. Und vielleicht waren die Bewohner des Antagons auch gerade deshalb von dieser naiven Kindlichkeit erfüllt, die mich so anzog. Hier brauchte man sich nicht zu sorgen – weil man keine Verantwortung zu tragen hatte und keine Entscheidungen fällen durfte! Es war tatsächlich wie das Leben als Kind in einer Familie – es gab einen Übervater, der die Befehle erteilt.

Aber Moment mal: ich wollte selbst denken, ein selbstbestimmtes Leben führen und… bin ausgerechnet hier gelandet?! Hier, an einem Ort, wo die Fremdbestimmung derart krass ist, das man die Hierarchie beinahe mit Händen greifen kann? Ich wurde Zeuge, wie die erste Person das Antagon verließ, ich wurde Zeuge, wie die zweite und dritte Person das Antagon unter Tränen verlassen musste. Gleichzeitig kamen stetig neue Leute hinzu. Der Eindruck eines Fließbandes drängte sich mir auf, bei dem die Leute der Reihe nach verheizt werden solange sie noch jung und motiviert sind. Irgendwie fast so wie in dem Musikvideo von „The Wall“ – nur das Bernhard behauptete, sein Fließband sei das Fließband der Guten, das andere Fließband, das da draußen, gehört den Bösen. Welche Ironie! Eigentlich ist der einzige wesentliche Unterschied das Image, wie wenn man einem Produkt das Etikett “Bio“ aufklebt. Genauso klebt auf dem Antagon das Etikett “befreite Gesellschaft“, was aber letztlich nur für die Freiheit von Bernhard Bub galt. Befreiung… bedeutet das nicht mehr, als bloß zu sagen „Die anderen sind scheiße!“ Es muss mehr bedeuten als bloß Abgrenzung. Eine Utopie entsteht nicht indem man sagt: „diese Welt da draußen ist böse! Geht fort von dieser Welt, denn sie ist böse. Kommt zu uns, denn wir sind gegen diese Welt da draußen, und weil wir gegen die Bösen sin, sind wir die Guten!“

Wer hier mit Kritik und Selbstkritik ansetzen will bekommt zu hören: „Wir brauchen keine Selbstkritik, denn wir sind ja schon die Guten. Wir sind ja schon befreit! Wir, die Guten, haben ein gutes und reines Gewissen! Verbirgt sich hinter deiner Kritik etwa das bösen Schweinesystem, das mit dir in unsere Oase der Befreiung einsickert?“

All das wurde mir umso klarer, weil ich Nietzsches Kritik der “guten Menschen“ gelesen hatte, deren Rechtfertigungslogik er als “Sklavenmoral“ bezeichnet. Der Mechanismus der Sklavenmoral funktioniert ähnlich wie im Antagon: die ganze Welt ist durch und durch schlecht, wer sich von der Welt abwendet und in die Klausur einer erlesenen Gemeinschaft eintritt, hat sich von der Welt abgewandt und ist allein aufgrund dieser Verweigerungshaltung gut. Man muss also gar nichts anders machen, ein einfaches “Nein!“ reicht aus. Allerdings bezieht sich Nietzsches Kritik auf die Kirche, deren “Nein!“ zu einer Welt, die nur Leiden bedeutet und der Hoffnung auf das Paradies, das eines Tages kommen wird.

Kirche: Die Apokalypse zerstört diese Welt und das Reich Gottes kommt am Ende aller Tage – doch dieses Reich Gottes ist schon zum Teil verwirklicht, nämlich in den einzelnen kirchlichen Gemeinden. Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen!

Antagon: Die Revolution zerstört diese Ordnung und die befreite Gesellschaft wird nach dem Kapitalismus kommen – doch die Befreiung hat sich schon zum Teil verwirklicht, nämlich in Kommunen und Kollektiven. Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen!

Mit dieser äußerst interessanten Parallele möchte ich aber keinesfalls gesagt haben, dass es in allen autonomen Zentren, Kommunen, Kollektiven und dergleichen genauso schlimm läuft wie im Antagon. Überhaupt soll keine meiner Aussagen mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit gelesen werden. Bei allem was ich hier schreibe handelt sich bloß um meine subjektiven Überlegungen und Erfahrungen. Ich hatte also eine Parallele entdeckt, die mich zutiefst beunruhigte. Sind also linke utopische Hoffnung nicht mehr, als die säkularisierte Version einer eschatologischen Hoffnung auf Erlösung? Drängt uns diese Hoffnung zum veränderten Handeln, oder verschafft sie bloß ein reines Gewissen und die Überzeugung auf der “richtigen Seite“ zu stehen und dabei letztlich genau so weiterzumachen wie bisher – oder schlimmer, einfach nach eigenen Gutdünken schalten und walten zu können, wie es Bernhard Bub tut.

Wie es der Zufall wollte, wurde gerade ein Seminar mit dem Titel Paulus und die politische Theorie angeboten in dem es um die Parallelen zwischen jüdisch-christlichem Messianismus und Marxismus ging. Hier lernte ich, dass ich mit diesem Vergleich tatsächlich einer heißen Spur nachfolgte und lernte Giorgio Agamben kennen. All das änderte mein Verhältnis zur Religion. Der Glaube war bis hierhin etwas sehr abstraktes, ganz und gar Unverständliches. Plötzlich wurde mir klar, dass meine Hoffnungen auf ein besseres Leben und eine bessere Welt sich nicht wesentlich von transzendenten Hoffnung unterschieden – bloß das ich mir das Leben in der befreiten Gesellschaft als etwas in dieser Welt Erreichbares vorstellte, die Vorstellungen des messianischen Zeitalters aber einen Grenzbereich berührt. Dabei ist aber der Inhalt der Erwartungshaltung weniger wichtig als der Effekt, den eine solche Erwartungshaltung mit sich bringt. Glaubt man fest daran sich im Übergang zu einer besseren Welt zu befinden, dann handelt man anders als wenn man davon ausgeht das die Welt morgen noch dieselbe sein wird.

Ich wollte aufzeigen, wie unscharf die Trennlinie zwischen politischen und religiösen Erlösungserwartungen ist – und dabei kam mir die Idee für eine neue Geschichte: Was wäre, wenn Jesus bloß ein Sozialkritiker war, der bloß “aus Versehen“ religiös interpretiert wurde? Die Umrisse einer Geschichte, in der ich mein hoffnungsvolles Suchen aber auch die bittere Enttäuschung wiederspiegelte, begann Gestalt anzunehmen. Nie habe ich tiefer der Materie für eine Geschichte gesteckt, als bei ANARCHRIST, der ich später den Titel Von der Erlösung gab. Ich besuchte mehrere Seminare über jüdischen Messianismus, die Geschichte des Christentums, des Islams und des Buddhismus. Als Kind hatte ich den Glauben verteufelt oder belächelt, nun aber war es ein faszinierendes Phänomen, dem ich mich nun mit ehrlicher Neugier aber mit kritisch-respektvollem Abstand näherte. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sich wohl anfühlen würde zu glauben. Ich befragte dazu Juden, Christen und Muslime und gewann faszinierende Einblicke.

Mir selbst aber gelang es nie zu glauben – oder zumindest glaube ich das es mir nie gelang zu glauben… ein merkwürdiges Paradox. Gibt es hierfür überhaupt ein Kriterium? Kann man wissen das man glaubt so wie man glauben kann etwas zu wissen? Über den Versuch das Verhältnis von Glauben und Wissen zu definieren verstrickte ich mich in Paradoxien. Ich stellte die Frage: Wenn Menschen an Jesus “glauben“, woran “glaubte“ dann Jesus? Vielleicht glaubte der auch gar nicht “an“ irgendwen oder irgendwas, vielleicht glaubte der einfach nur. Lässt sich Glaube überhaupt auf etwas ausrichten?

Dann entdeckte ich noch Kinskis legendären Auftritt seines Stücks Jesus Christus Erlöser. Er hatte die gleiche Idee wie ich, auch hier ist Jesus „nicht der offizielle Kirchenjesus“ sondern ein „dreckiger Hippie“.

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